CEM

 

  • §  An einem Cem, der in großen Räumen oder sogar im Freien abgehalten werden kann, beteiligen sich alle Gemeindemitglieder, Frauen, Männer, Kinder.
  • §  In Deutschland findet der Gottesdienst meist in dem alevitischen Gemeindehaus statt.
  • §  Er wird hier den Gemeindemitgliedern schriftlich angekündigt.
  • §  Die Familie bzw. Familien die den Gottesdienst organisieren arbeiten in Zusammenarbeit mit der Gemeindeleitung und dem Geistlichen den Dienst.
  • §  Dazu gehören die 12 Dienste zu bestimmen und gemeinsam das Essen vorzubereiten, sowie Streitigkeiten und Unstimmigkeiten unter den potentiellen Besuchern nach zu gehen.
  • §  Die Gläubigen, die nach alevitischem Verständnis, „Seelen-canlar" heißen, sitzen im CEM, abgesehen vom SEMAH-Ritual in einem Halbkreis.

 

Ablauf des Gottesdienst

  • §  Der Geistliche übernimmt mit dem Einverständnis der Gemeinde die Leitung des Gottesdienstes
  • §  Der Geistliche informiert die Anwesenden über die Einzelheiten und Bedeutungen der Handlungen im Gottesdienst
  • §  Saz-Spieler (zakirler) tragen drei Gesänge vor
  • §  Der „Feger" übernimmt seinen Dienst und kehrt symbolisch den Platz
  • §  Der Sitzplatz des DEDE wird bereitet. Er wird durch den „post" markiert-> Gegenwart des Heiligen Ali symbolisiert
  • §  Der Geistliche stellt das Einvernehmen der Beteiligten im Gottesdienst her. Gegebenfalls werden Strafen erteilt.
  • §  Der Gottesdienst hat neben dem Gebetsvollzug auch andere Komponenten ->
  • §  Vermittlung der Alevitischen Lehre
  • §  Bewahrung bzw. Wiederherstellung der Harmonie in der Gemeinde durch das Erzielen des Einvernehmens
  • §  Förderung der Solidarität durch die Bildung der Weggemeinschaften unter den Familien
  • §  Verhängung von Sanktionen gegen begangenes Unrecht durch die öffentliche Beichte bzw. gemeinschaftliche Urteilsbildung. Im Zentrum des Halbkreises „dar- i Mansur" wird Recht gesprochen.
  • §  12 Dienste, die im Gottesdienst verrichtet werden ->
  • §  Der Pir/dede (Geistlicher, der symbolisch den Heiligen Ali vertritt) leitet den Cem-Gottesdienst bzw. auch die Geistliche (Ana).
  • §  Der Rehber (Wegweiser, Begleiter) unterstützt den dede und begleitet Laien, z.B. die Personen, die in eine Weggemeinschaft eingehen wollen.
  • §  Der Gözcü (Ordner) sorgt für Ordnung während des Cem-Gottesdienstes.
  • §  Der Ceragci/delilci (Zünder des Lichts) entzündet das symbolische Licht und sorgt für die Beleuchtung des Cem-Hauses
  • §  Der Zakir (Saz-Spieler) spielt die Saz und singt religiöse Lieder während des Cem-Gottesdienstes
  • §  Der Ferras/süpürgeci (Reinigungsdienst) ist verantwortlich für die symbolische Reinigung der Cem-Fläche
  • §  Der Sakka/sucu (Wasserverteiler) sorgt für das Wasser und andere Getränke und organisiert das symbolische Händewaschen
  • §  Der Sofraci/kurbanci (Tafeldiener/ Schächter des Opfertieres) ist verantwortlich für die Küche und die gleichmäßige Verteilung des Mahls
  • §  Der Pervane/semahci ist zuständig für einen reibungslosen Ablauf des Semah.
  • §  Der Peyik (Bekanntmacher) macht den Cem in der alevitischen Gemeinde bekannt
  • §  Der Iznikci (Reinigungsdienst) sorgt für die Sauberkeit im Gemeindehaus nach dem Cem-Gottesdienst.
  • §  Der Bekci (Wachmann) hält symbolisch Wache im Wohngebiet während des Gottesdienstes, da er in dem Osmanischen Reich oft gestört wurde.

 

Bedeutung der Saz/Semah

  • §  Die Saz ist ein Saiteninstrument, dass im Gottesdienst eine besondere Rolle spielt-> Aleviten nennen ihn den „Koran mit Saiten" oder den „sprechenden Koran".
  • §  Der Zakir begleitet auf seinem Instrument und mit seinem Gesang den gesamten Cem-Gottesdienst insbesondere die Semah-Rituale

 

SEMAH-Ritual->

  • §  Der Geist wird durch kontrollierte Bewegungen in einen Zustand besonderer Klarheit geführt-> der sich auf Verstand und Körper so stark auswirkt, dass am Ende alle drei Bereiche (Geist, Verstand und Körper) zu einer Einheit führt.
  • §  Aleviten bezeichnen den Semah nicht als Tanz (es dient nicht zum Spaß)->sondern als eine Form des Gebetes. Man dreht sich nach dem Takt der Saz im Kreis, wie die Planeten um die Sonne. Der kosmische Charakter des Semah symbolisiert nicht nur die Bewegung der Erde, sondern auch die ständige Bewegung der Natur.

 

 

 

Der Cem ist entstanden aus der Mythologie der 40 Heiligen:

 

 

An der Erzählung von den Vierzig wird deutlich, dass die Cem-Zeremonie nicht nur einen religiösen und kulturellen, sondern auch einen starken sozialen Charakter besitzt. Dieser kommt an vielen Stellen zum Ausdruck: Wir wissen, dass keine Zeremonie ohne das Einvernehmen (türk.: „rızalık“) aller Teilnehmer beginnen darf oder dass es keine Trennung zwischen Frauen und Männern gibt. Das Wesen des Cems macht also die humanistische Gemeinschaft aus.

 

[Mazlum Dogan] Die Cem-Zeremonie und die Rituale, die im „Cem“ zelebriert werden, sind äußerst wichtig für das Verständnis des Alevitentums in Bezug auf die Menschheit. Die Herkunft des Wortes „Cem“ wird wahrscheinlich auf das Arabische zurückzuführen sein, worin „dscham“ so viel wie „Versammlung“ bedeutet. Die Verbindung des Wortes „Cem“ zum Persischen „jâm“ ist an dieser Stelle auch interessant, da es „Kelch“ bedeutet und ein Kelch auch in alevitischen Ritualen eine wichtige Funktion einnimmt.


Die Cem-Zeremonie zu verstehen, heißt einen wichtigen Teil des Alevitentums zu verstehen, denn sie spiegelt das Grundverständnis von Nächstenliebe, Gleichheit und der Einheit der Menschen wider.

“Aleviliğin kalbi cem’de atar. Aleviliğin sırrı cem’de yatar“ 

(„Das Herz des Alevitentums schlägt im Cem. Das Geheimnis des Alevitentums liegt im Cem.“)


Daher hat jede Bewegung und jedes gesprochene Wort im Cem eine religiöse, kulturelle sowie – wenn man es so nennen mag – soziale Bedeutung. Wenn man nach dem Ursprung des Cems forscht, so gelangt man zur Erzählung des „Cem der 40“ (türk.: „Kırklar Cemi“). Diese Erzählung handelt von der ersten Cem-Zeremonie:

 

Erster Teil der Erzählung: Der Prophet Mohammed wandelt eines Nachts umher und sieht, dass es eine Versammlung gibt. Er klopft an die Tür um eintreten zu dürfen. Er stellt sich als der Prophet Mohammed vor und bittet um Einlass, jedoch wird ihm die Tür nicht geöffnet. Er versucht es ein weiteres Mal und stellt sich wieder als der Prophet Mohammed vor, doch niemand öffnete ihm. Stattdessen erhält er die Antwort, dass es in dieser Versammlung keinen Platz für einen Propheten gebe. Er solle weggehen und der Prophet seiner „Ummah“  (Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist die „islamische Gemeinde“) sein. Als Mohammed wieder klopft und spricht: „Ich bin auch ein armer Sklave, wie ihr es seid!“,  wird ihm der Einlass gewährt. 

Bedeutung: Der erste Teil der Erzählung vom „Cem der 40“ macht darauf aufmerksam,  dass es beim Cem keinen sozialen Rang mehr gibt. Die sozialen Unterschiede (arm-reich, Beruf, politische Titel usw.) werden zugunsten einer „Einheit aller Menschen“ aufgelöst. Im Cem gibt es daher kein Du und Ich, sondern lediglich ein Wir. Die Erzählung symbolisiert dies auf eine sehr anschauliche Weise durch den Ausschluss des Propheten Mohammed von der Versammlung. Sein „Titel“ ist für den Cem bedeutungslos. Mit Eintritt in den Cem legt der Mensch somit seinen sozialen Status ab.


Zweiter Teil: Nachdem Mohammed in die Versammlung eingetreten ist, fragt er nach der Identität der Menschen und wer das Oberhaupt dieser Versammlung sei. Die Menschen entgegnen ihm, dass man sie die „Vierzig“ nenne und sie kein Oberhaupt hätten, denn jeder sei hier gleichgestellt. Mohammed beginnt zu zählen und kommt auf insgesamt 39 Männer und Frauen. Er fragt, wo denn der Vierzigste sei und die Leute antworten, dass er draußen stehe und sein „Amt“ wahrnehme. Mohammed zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Menschen und fordert Beweise. Einer der Personen nimmt ein Messer und schneidet dem Heiligen Ali in die Hand, sodass Alis und die Hände der 39 Anderen zu bluten beginnen. Sobald die Blutung Alis gestoppt wird, fließt auch kein Blut mehr bei den Anderen.


Bedeutung:  Dieser Teil der Erzählung symbolisiert die Gleichheit zwischen Mann und Frau sowie den Menschen im Allgemeinen untereinander. Dass die Wunde des Heiligen Ali, auch die Wunde aller anderen Menschen in der Versammlung geworden ist, verdeutlicht die Solidarität, die zwischen den Menschen herrschen muss. Das heißt: Die Sorgen und die Wunden des Einen sind auch die Sorgen und Wunden der Anderen und alle sind füreinander verantwortlich.


Dritter Teil: Als eine Traube in die Mitte der Versammlung gebracht wird und Mohammed die Aufforderung erhält, diese für die Vierzig aufzuteilen, weiß dieser nicht, wie er zu handeln hat. Aber „Hak“ (arab.: „haqq“; deutsch: „Wahrheit“; Synonym für Gott) hilft ihnen und aus der Traube wird Wein. Die Vierzig trinken von diesem Wein und beginnen den rituellen Tanz „Semah“ zu tanzen.


Bedeutung: Im Vordergrund steht an dieser Stelle das solidarische Teilen und Genügsamkeit.


Vierter Teil: Mohammed fragt nach dem „Pir“ (deutsch: der Älteste) der Vierzig. Sie entgegnen ihm, dass der Heilige Ali ihr „Pir“ sei. Als Mohammed an Alis Hand einen Ring widererkennt, den er zuvor an einem Löwen auf seiner Himmelsfahrt gesehen hatte, verlassen ihn alle Zweifel und er schließt sich dem Semah an.


Bedeutung: Der Heilige Ali verkörpert in dieser Erzählung die „Manifestation Gottes“ bzw. einen ganz bestimmten Heiligenstatus.  Da aber auch Ali ein „einfacher Mensch“ war, ist die Bedeutung auch auf den Menschen zu übertragen. Das heißt, dass der Mensch in direkter Verbindung zu Gott steht und diesen auch in sich trägt. Daher sprach auch Hünkar Haci Bektasch Veli im 13. Jahrhundert: „Was du auch suchst, suche es in dir selbst“.  Es beleuchtet also die mystisch-metaphysische Seite des Cems.

 

Mitglied der Alevitischen Gemeinde Deutschland